24.04.2020

COVID-19: Die Unsicherheit über die neue „Normalität“

Die „Zeit vor Corona“ erscheint sehr weit zurück, dabei vergingen nicht einmal 40 Tage, seit sich unser aller Leben völlig verändert hat. An manche Dinge haben wir uns schnell gewöhnt, andere fangen erst an, immer mehr ihre Auswirkungen zu zeigen. Viele Menschen stehen vor existenziellen Schwierigkeiten, andere haben persönlich Angst vor einer Ansteckung, da sie zu einer der Risikogruppen gehören. Uns alle eint, dass wir froh sind, dass am 21.04. endlich die ersehnten Lockerungen begonnen haben und viele hoffen nun, dass wir möglichst schnell zurück in eine (neue) Normalität kommen. Während neben dem verständlichen Wunsch auf eine schnellstmögliche Normalisierung bei einigen Menschen Zweifel auftauchen, ob das alles überhaupt nötig war und ist, mahnen Politiker und Virologen zu Geduld und weiterer Wachsamkeit, um nicht vorschnell unvorsichtig zu werden. Mit am stärksten belastet die Menschen sicher die Unsicherheit, dass bisher nicht abzusehen ist, wie die Entwicklung weitergeht.

Wie ist die aktuelle Situation hier vor Ort im Vogtlandkreis einzuschätzen?

Nach den ersten beiden bekannt gewordenen Erkrankungen am 15.03.2020 im Vogtlandkreis nahm die Zahl der Infizierten zunächst schnell zu. Seit einigen Tagen nehmen die gemeldeten Neuinfektionen nun deutlich ab. Die Wirksamkeit der Schulschließungen vom 16.03. und der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen sowie Schließungen vieler Einrichtungen hat sich mit Verzögerung deutlich gezeigt. Mit Stand heute, 24.04.2020 gibt es im Vogtlandkreis 298 bekannte Fälle insgesamt[1], von denen leider fünf Personen verstorben sind. 149 Personen sind bereits wieder genesen. Ohne Maßnahmen wären Stand 24.04.2020 laut Modellrechnung ca. 6675 Infizierte und ca. 140 Todesfälle zu beklagen gewesen. Die von der Bundes- und Landesregierung ergriffenen Maßnahmen waren daher richtig und sinnvoll. Aufgrund des gemeinschaftlichen Kraftaktes aller Bürger, der gezeigten Solidarität und der geleisteten Anstrengung konnte das Zwischenziel erreicht werden. Die Zahl der von einem Infizierten angesteckten Personen wurde auf unter eins gedrückt. Das wir dies schaffen, war bei weitem nicht sicher. Daher war auch die Vorbereitung der Kliniken auf einen großen „Ansturm“, der nun glücklicherweise nicht nur im Vogtlandkreis bisher ausblieb, notwendig und richtig.

Abbildung 1 zeigt den Verlauf der tatsächlich gemeldeten Fälle (grün und grau). Sie stehen im Vergleich zu den Zahlen, wie sie sich ohne die Maßnahmen und die damit erreichte Reduzierung der Reproduktionszahl, also der Zahl der Personen, die eine infizierte Person ansteckt, entwickelt hätten (dunkelblau, schwarz).

Abbildung 1: Vergleich erfasster Infizierter und Todesfälle mit berechneten Infizierten und Todesfällen ohne Reduktion der Reproduktionszahl; logarithmische Darstellung; Quelle: https://covid19.admos.de/

Nun gilt es, vorsichtig in die Zukunft zu schauen.

Welches Ziel haben die Maßnahmen der Bundes- und Landesregierung? Welche Auswirkungen haben die Lockerungen und welche Entwicklung ist im Vogtlandkreis zu erwarten? Eine weitere Lockerung von Maßnahmen zur Erlangung von mehr Freiheit muss ganz behutsam und regional fein abgestimmt erfolgen. Ein „Gegenangebot“ von anderen, im Bestfall verträglicheren Maßnahmen muss erfolgen, um die Reproduktionszahl weiterhin unter eins zu halten. Das Verbot von Großveranstaltungen, die Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln im öffentlichen Raum, die umfassende Testung und Fallverfolgung sowie Isolierung Betroffener und der besonderen Schutz von Risikogruppen werden uns noch viele Wochen und Monate begleiten. Die Auswirkungen der derzeitigen vorsichtigen Lockerung müssen nun zunächst aufmerksam beobachtet werden. Erst wenn sich zeigt, dass die Erkrankungszahlen nicht wieder nach oben schnellen, kann über weitere Schritte entschieden werden. Gefordert wird von uns allen also neben der Befolgung der Maßnahmen vor allem Geduld und langer Atem.

 

 



[1] geringfügige Abweichungen zwischen den tagaktuellen Meldezahlen des Gesundheitsamtes und der Daten, auf die das Programm zur Erstellung der Abbildung zugreift sind aufgrund der Meldeverzögerung möglich